Gefahreneinschätzung bei Autismus: Unsere Erfahrungen und was Eltern wissen sollten

Gefahreneinschätzung bei Autismus: Unsere Erfahrungen und was Eltern wissen sollten

In diesem Beitrag möchte ich euch mitnehmen in unseren Alltag und anhand persönlicher Erfahrungen zeigen, warum Gefahreneinschätzung bei Autismus ein wichtiges Thema ist – und wie wir als Familie damit umgehen.

Unsere ersten Erfahrungen: Nähe, Distanz und fehlende Gefahrensignale

Schon als unser Sohn sehr klein war – lange bevor wir eine Diagnose hatten – fiel uns auf, dass er Gefahren kaum einschätzen konnte. Gleichzeitig war er extrem distanzlos gegenüber fremden Menschen. Er sprach mit jedem, umarmte andere Eltern zur Begrüßung und eigentlich alle, die ihm begegneten. (So viel zum Mythos, Autisten würden grundsätzlich keine Nähe mögen.)

Auch im Alltag zeigte sich schnell, dass er Risiken nicht intuitiv wahrnahm:

  • Er kletterte ohne Angst auf hohe Spielgeräte
  • Er ging zu nah an Löcher oder Abgründe
  • Scharfe oder heiße Gegenstände erkannte er nicht als Gefahr
  • An der Straße blieb er nicht automatisch stehen

Uns war klar: Er braucht Begleitung, nicht weil er „unselbstständig“ war, sondern weil sein Gehirn Gefahren anders verarbeitet. Trotzdem hörten wir oft Sätze wie: „Lass ihn doch mal, er ist doch kein Baby mehr.“ Aber wir wussten, dass er bestimmte Risiken schlicht nicht sehen konnte.

Ein Beispiel aus der Schule

In der ersten Klasse durfte unser Sohn morgens oft ein paar Minuten länger draußen bleiben, weil er noch Dinge zu Ende bringen wollte. Seine Lehrerin hatte ihn dabei immer im Blick – wofür wir sehr dankbar waren.

Doch eines Tages gab es eine kleine Baustelle auf dem Schulhof. Obwohl ein Zaun darum stand, ging er so nah heran, dass er beinahe hineingefallen wäre. Nicht aus Mut, nicht aus Trotz – sondern weil er die Gefahr nicht wahrnahm.

Ab diesem Tag durfte er seine Pausen nicht mehr alleine verlängern. Eine verständliche Entscheidung.

Hat eine veränderte Gefahreneinschätzung etwas mit Autismus zu tun?

Ja – eindeutig. Und das bedeutet nicht, dass autistische Menschen „unvorsichtig“ sind. Ihre Wahrnehmung funktioniert einfach anders.

Warum autistische Menschen Gefahren anders einschätzen

Die Forschung zeigt, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen:

1. Sensorische Verarbeitung

Über- oder Unterempfindlichkeiten können dazu führen, dass

  • echte Gefahren übersehen werden oder
  • harmlose Reize als bedrohlich wirken.

2. Detailfokus

Autistische Menschen nehmen oft Details stärker wahr als den Gesamtkontext. Dadurch wird die Gefahr manchmal erst spät erkannt.

3. Exekutive Funktionen

Stress, Reizüberflutung oder schnelle Wechsel erschweren spontane Entscheidungen.

4. Soziale Signale

Indirekte Warnungen wie „Pass auf“ oder nonverbale Hinweise werden nicht immer eindeutig verstanden.

5. Monotropismus / Hyperfokus

Ein starker Fokus kann Gefahren ausblenden – oder zu sehr präzisem, regelgeleitetem Verhalten führen.

Typische Situationen, die herausfordernd sein können

  • Straßenverkehr
  • Unübersichtliche oder laute Umgebungen
  • Gruppensituationen
  • Online-Kommunikation und Manipulation

Stärken autistischer Gefahreneinschätzung

Wichtig: Es gibt nicht nur Herausforderungen, sondern auch besondere Stärken:

  • Logische, analytische Risikobewertung
  • Konsequentes Einhalten von Regeln
  • Wenig Beeinflussbarkeit durch Gruppendruck
  • Hohe Detailgenauigkeit

Was Eltern und Bezugspersonen tun können

  • Klare, konkrete Sprache: „Bleib stehen, Auto kommt von links.“
  • Visuelle Hilfen: Piktogramme, feste Abläufe, Checklisten
  • Sensorische Entlastung: Weniger Reize → bessere Einschätzung
  • Schrittweise Übung realer Situationen

Unsere Entwicklung heute ❤️

Unser Sohn ist inzwischen 11 Jahre alt. Bei festen Abläufen – wie dem Schulweg – sehe ich eine Veränderung. Er schaut inzwischen nach hinten, achtet an der Straße bewusster auf Autos. Aber: Das funktioniert nur, wenn er nicht im Gespräch ist oder durch Reize abgelenkt wird.

Ich kann hier nur von uns berichten. Dass wir mit 11 Jahren Veränderungen sehen, heißt nicht, dass es bei allen Kindern so ist. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo – und das ist völlig in Ordnung.

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